Gleich zwei gesellschaftliche Tabus werden in dieser liebevoll geschriebenen Tragikomödie torpediert: der selbstbestimmte Tod und die Liebe zwischen Alt und Jung. Im Gegensatz zu weiterverbreiteten Lolita-Sujets hat sich das Liebesverhältnis mit Altersunterschied hier nämlich genau umgedreht: Harold ist gerade mal 19 und Maude 79.
Maude, die Sonnenblume
Gräfin Mathilde Cardin genannt "Maude" dürfte aus einem österreichischen Adelsgeschlecht stammen. Aber sie musste aus ihrem Land fliehen und fand eine neue Heimat in den USA. Aber das wird im Buch nicht wirklich ausgesprochen, sondern nur angedeutet, auch was ihre jüngere Vergangenheit betrifft. Früher war sie eine Rebellin und Demonstrantin, in den Sechzigern, erfährt man, jetzt ist sie eine lebenslustige alte Frau, die gerne Tabus bricht. "Jeder sollte Kuchen backen", sagt sie, besucht ihren Freund Glaucus, der jeden Tag einen neuen Eisblock geliefert bekommt, um die perfekte Skulptur herauszuarbeiten. Wohl ein Synonym für Sisyphos, denn immer dann, wenn er mit seiner Skulptur fertig ist, ist der Eisblock beinahe gänzlich geschmolzen. Maude erklärt Harold auch den Unterschied zwischen Gänseblümchen und Sonnenblumen und weiß, dass "Jeder in seinem eigenen Schloss lebt". Eines Tages erkennt Harold auf ihrem Unterarm die Nummer D-726350, aber auch diese Andeutung bleibt sehr zärtlich und thematisiert nicht den Terror, der dahintersteckt. Die 60 Jahre Altersunterschied sind jedenfalls geschenkt. Denn bald verliebt sich Harold in Maude und will sie heiraten. Aber gerade an dem Tag feiert sie ihren 80. Geburtstag und hat schon längst einen anderen Plan dafür gefasst...
Harold, das verwöhnte Kind aus gutem Hause
Maude benimmt sich sehr viel lebenslustiger als der selbstmordgefährdete Harold, der aus gutem Hause stammt und sich ständig neue Todesarten (17 Selbstversuche!) ausdenkt. "Exzentrische Schübe" wie es seine Mutter gegenüber einer Heiratsanwärterin nennt. Er ist eben ein verwöhntes Kind aus wohlhabendem Elternhaus, das unter gesellschaftlichen Zwängen leidet: Harold soll nämlich heiraten. Die Dialoge mit seinem Psychiater sind teilweise schreiend komisch, etwa wenn er sich über Schrottplätze und Friedhöfe mit ihm unterhält. Drei Kandidatinnen werden ihm von einer von seiner Mutter beauftragten Agentur vorgestellt. Aber als alle Reißaus nehmen, weiß seine Mutter nur mehr einen Rat: Onkel General Victor (Nomen est Omen). Er soll Harold fit für die Armee machen. Aber sein Versteckspiel mit Maude ist so überzeugend, dass auch der Onkel bald resignierend feststellt, dass Harold wohl nicht mehr zu helfen sei und es sich bei ihm tatsächlich um einen Idioten im ursprünglichen griechischen Sinne handle. Dass sich Maude und Harold auf einer Beerdigung einer Person kennenlernen, die sie beide nicht kennen, ist nur eine der Raffinessen dieser unterhaltsamen Erzählung, die mit allen Konventionen bricht. Maude stiehlt gerne Autos - oder wie sie es nennt: sie borgt sie sich aus - und einmal erwischt sie sogar den Leichenwagen von Harold mit dem er die Gegend unsicher macht. Ein köstlicher Roman, der die Liebe zwischen den Generationen enttabuisiert und das Leben als das feiert, was es ist: ein unendliches Fest.
Colin Higgins
Harold und Maude
Aus dem amerikanischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda
Mit einem Nachwort von Faber
2025, Hardcover, 192 Seiten
ISBN: 978-3-257-07319-5
Diogenes Verlag
€ (D) 19.00 / sFr 26.00* / € (A) 19.60
[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-08-27)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.