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Max Vento - Kokoschka und Alma Mahler
"Die Hoffnung weicht der Befreiung." Eine skandalöse Liebesgeschichte steht im Mittelpunkt dieser neuen Graphic Novel des Wiener bahoe books Verlages. Alma Mahler und der Maler Oskar Kokoschka liebten sich zwar nur 1-2 Jahre, aber die Folgen waren für beide nachhaltig tragisch. Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs entfaltet sich ein Wiener Sittengemälde, das moderner nicht sein könnte.
Obsessive Leidenschaft im Wien der Jahrhundertwende
Die vom Komponisten Gustav Mahler verwitwete Alma Mahler (1879-1964) hatte eine laufende Beziehung mit dem Architekten und späteren Bauhaus-Gründer Walter Gropius, den sie später heiratete, während sie eine stürmische Affäre mit dem aufstrebenden Maler Oskar Kokoschka (1886-1980) begann. Auch nach der Scheidung von Gropius blieb sie ihrer Linie treu: sie wurde die Ehefrau des Schriftstellers Franz Werfel. Ihr Ruf eilte ihr quasi als Mailüfterl schon damals voraus: sie liebte eben alle Künste. Anders als der junge Oskar, der sieben Jahre jünger als die Grande Dame, sich vor Leidenschaft nach ihr geradezu verzehrte. Max Vento zeigt sein Schaffen vor dem Hintergrund des Wiens der Jahrhundertwende. Das Café Central oder die Ringstraße bekommen ebenso ihr Scheinwerferlicht ab, wie die Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Mehr noch, zeigt sie ein Sittengemälde eines untergehenden Staatsgebildes, das sich nur mehr mühsam über Wasser halten konnte. Bei einer Ausstellung lernt Oskar auch den Thronfolger Franz Ferdinand kennen, dessen Ermordung zum Ersten Weltkrieg führte. Aber auch Adolf Loos, der moderne Architekt, wird vorgestellt und nimmt den jungen Oskar unter seine Fittiche, verschafft ihm sogar eine Rekrutierung für die Dragoner, einer relativ sichern Abteilung für einen Kriegseinsatz. Aber Oskar wird verwundet und macht dennoch wenig Eindruck auf "seine" Alma. "Denn obwohl er sie aufrichtig liebt, hat Alma von Anfang an das Bedürfnis, ihm zu entkommen.", schreibt Max Vento. Sie will ihn erst heiraten, wenn er ein "Meisterwerk" geschaffen hat.
Leid(enschaft) oder die obsessive Liebe
Eines dieser Meisterwerke könnte die "Windsbraut" (1913) sein, aber selbstverständlich erkannte es Alma nicht als solches an. In seiner obsessiven Verzweiflung fertigte Oskar Kokoschka sogar eine Puppe "seiner" Alma und wurde so zum ersten bekennenden Fetischisten, auch wenn man das damals viellicht noch nicht so nannte. 1919 ließ sich Kokoschka bei einer Münchner Puppenmacherin eine lebensgroße Puppe von Alma anfertigen. Außerdem besorgte er ihr eine Kammerzofe, Reserl, die tägliche Ausfahrten mit dem Wagen, Opernbesuche und Bankette für die Puppe organisieren musste. Einige Jahre später wollte er die Puppe bei einem Champagner-Fest vor seinen Gästen verbrennen. Zuvor schlug er ihr aber den Kopf ab und benetzte sie mit Rotwein, was am nächsten Morgen die Polizei auf den Plan rief. Das Ende seiner Obsession für Alma hatte aber auch eine traurige Kehrseite. Reserl, alias Hulda, hatte ihren Dienstherren, den sie stets "Rittmeister" nannte, wohl ebenso obsessiv geliebt, wie er seine Alma. Auf ihren Brüsten trug sie - von Messern eingeritzt - seine Initialen und auf geheimnisvolle Weise verschwand sie aus Dresden, wo nie mehr jemand etwas von ihr hörte. Selbst ein Aufruf Kokoschkas in der Öffentlichkeit brachte sie nicht zurück. Des einen Obsession ist eben des anderen Leid, des einen Leidenschaft, des anderen Leid(enschaft). Die Leidenschaft, die Oskar Kokoschka für Alma Mahler empfindet ist nachvollziehbar gezeichnet und man versteht auch die Obsession, die er für die sieben Jahre ältere, erfahrene Frau empfand. Sie war für ihn nur das bevorzugte Model für seine Malerei, sondern auch Liebhaberin, Ehefrau, Mutter und wohl noch viel mehr.
Max Vento
Kokoschka und Alma Mahler
Aus dem Französischen von Katharina Kral
2025, 23 • 30cm, Hardcover, 160 Seiten
ISBN 978-3-903478-55-8
bahoe books
€ 28,00
[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-12-20)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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