So sind wir nicht: die empörte Feststellung des österreichischen Bundespräsidenten anlässlich des einheimischen Ibiza-Skandals hätte nicht pointierter ausfallen können. Aber wie sind "die" Österreicher wirklich? Die von Astrid Wintersberger gesammelten und kommentierten Zitate zwischen 1955-2025 geben mehr Aufschluss über das, was Erwin Ringel einst die "österreichische Seele" nannte.
Politik beim Heurigen
Die Lektorin, Autorin und Übersetzerin hat die Zitate chronologisch geordnet. Wer also das Eingangszitat sucht, muss wissen, wann es war und findet unter dieser Jahreszahl den Eintrag.In Anlehnung an Helmut Qualtinger schreibt die Herausgeberin, dass man sich in dem Labyrinth Österreich am besten zurechtfindet, weil "sich in dem jeder auskennt". Für die Jüngeren sind die meisten Zitate aber nicht so präsent, da sie es ja nicht miterlebt haben können, und so versteht sie ihr Kompendium als "Führer durch dieses Labyrinth". Dass die Österreicher sich 1955 ihren Staatsvertrag ersoffen hätten ist ein weitverbreitetes Stereotyp. Bei der Konstruktion dieses Mythos halfen auch einige Zitate wie zum Beispiel, das von Leopold Figl: "Wenn der Geist was leisten soll, braucht der Körper Alkohol". Wem Hans Mosers Reblaus ein Begriff ist, der wird dann auch das folgende Zitat Figls verstehen: "Raab, jetzt noch d'Reblaus und dann san's waach". Selbst heute noch wird das Zitat gerne wieder aufgegriffen und paraphrasiert. So äußerte sich etwa der Gewerkschafter Wolfgang Katzian über den Klassenkampf einmal so: "Ich bin ein Mensch der den Dialog bevorzugt. Ich gehe nicht zuerst auf die Barrikaden, sondern zum Heurigen". Damit demonstrierte er sein grundsätzlich sozialpartnerschaftliches Glaubensbekenntnis, das so prägend für die Zweite Republik war und ist und hoffentlich auch bleibt.
Zitate und politische Kultur
"Ich bin's, dei Präsident!" Ist ein Österreich bereits ein geflügeltes Wort. Aber die wenigsten wissen den Hintergrund und vollen Wortlaut des Zitats. Gesagt hat es tatsächlich der Polizeipräsident Josef Holaubek zum flüchtigen Häftling Walter Schubirsch: "Ich bin's, dei Präsident! Ich mach doch kane Schmäh. Schau nach, schau durch des Guckerl". Auf der anderen Seite des Türspions, des "Guckerls", steht der flüchtige Schubirsch und gibt auf.Aber das sprichwörtliche "goldene Wiener Herz" hat auch Sprünge wie folgender Chanson von Kurt Sowinetz belegt: "Alle Menschen san ma zwidr, in die Gosch macht is haut" gesungen zur Europa-Hymne von Beethoven ist es ein netter Hinweis, sich doch sicherheitshalber über die Häuser zu haun, wie der Wiener sagt. Für Bundeskanzler Fred Sinowatz war hingegen alles sehr viel komplizierter, wie er öfters betonte. Aber bei Waldheim bewies er sehr viel Humor und zog eine klare Trennlinie: Nicht der Reiter, sondern das Pferd sei bei der SA gewesen. Auch ein geflügeltes Wort bis heute. Weniger redegewandt war da ein gewisser Ernst Happel, nach dem das größte Stadion in Österreich benannt ist. "Wann'S redn wolln müssen S'Staubsaugervertreter wer'n, ich brauch nur Fußballer", soll er einmal zu einem Spieler gesagt haben, der ein Aussprache verlangt hatte. Ehrlicher war nur noch der Moderator Andi Knoll im ORF als Conchita Wurst den ESC gewann: "Jetzt hat uns die den Schal gwonnen!" Ein solcher Gewinn ist auch die Lektüre der vorliegenden Publikation, die in keinem Haushalt fehlen sollte. Denn Kommunikation ist immer ein Gewinn!
Astrid Wintersberger
So sind wir nicht
70 Jahre Österreich in Zitaten
Herausgegeben von Astrid Wintersberger
2025, 96 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-99027-431-6
Verlag Jung und Jung
Preis: € 14,– | sFr 20,–
[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-11-03)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.