Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Ulrich Woelk - Der Sommer meiner Mutter
Buchinformation
Woelk, Ulrich - Der Sommer meiner Mutter bestellen
Woelk, Ulrich:
Der Sommer meiner Mutter

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

Mit diesen Worten beginnt der 11-jährige Ich-Erzähler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 196, eine Geschichte, die für ihn selbst und seine Eltern massive Veränderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern - der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem Kölner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer großen Panorama-Fensterfront zum Garten.
Tobias ist Einzelkind, interessiert sich für alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im Frühjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die für den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der Elfjährige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, weiß er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter für „es“ seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verständigen Vater nicht gefällt und er darüber frustriert ist.

Kurze Zeit zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnjährigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einführen( Doors und Janis Joplin) sondern auch in die körperliche Liebe.
Die Eltern Rosas sind überzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni Köln Philosophie, „Adorno, Bloch und die Frankfurter Schule“ und die Mutter übersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht übereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst für einen Verlag zu übersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.
Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne Wissen der Männer an der ersten Kölner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.

Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterlässt diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einfängt, unbeteiligt und vor allen Dingen unverändert.

Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.

Und während Armstrong und Aldrin ihre Füße in den Staub der Mondoberfläche drücken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. Während Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte später als für die Mission „Rosetta“ bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der persönliche und politische Aufbruch für Tobias` Mutter tragisch.

Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener Veränderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln ließ. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.

Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzählt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2019-01-29)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Ulrich Woelk ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


„Die RAF hat euch lieb“ Die Bundesrepublik im Rausch von 68 - Eine Familie im Zentrum der BewegungRöhl, Bettina:
„Die RAF hat euch lieb“ Die Bundesrepublik im Rausch von 68 - Eine Familie im Zentrum der Bewegung
Bettina Röhl, Tochter der Journalistin Ulrike Meinhof und des Konkret-Herausgebers Klaus Rainer Röhl, benutzt für ihre neue Publikation zum Thema (nach: „So macht Kommunismus Spaß“) zahlreiche bisher unveröffentlichte Briefe, Dokumente und Fotos und führte vor allem Interviews mit vielen der damaligen AktivistInnen, so sie noch [...]

-> Rezension lesen


 Halali - Weidwerk - Jäger - Wild NaturMündl, Kurt:
Halali - Weidwerk - Jäger - Wild Natur
27 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung beginnt die vorliegende Dokumentation und erklärt die Kreativität der Menschen von damals mit dem beginnenden Fleischverzehr, da sich durch die Speerschleuder die Nahrungsbeschaffung wesentlich erleichtert hatte. Veganer werden das nicht gerne hören, aber die Venus von Willendorf ist ein sichtbares [...]

-> Rezension lesen


SuperflyDirector X:
Superfly
„It doesn’t matter how smart you are, in a world of stupid motherfuckers“, erklärt Priest seinem Kumpel und Freund Eddie, dem „domestic negro“, laut eigenen Aussagen. Superfly ist ein Remake des 1972er Klassikers von Gordon Parks jr. Das Original wurde vor allem aufgrund des Soundtracks von Curtis Mayfield berühmt und gilt als [...]

-> Rezension lesen


 Leave no TraceGranik, Debra:
Leave no Trace
„Dad, das Holz ist wirklich gut zum Späne machen“, meint die mitten in der Pubertät steckende Tochter Tom zu ihrem Vater Will. Beide leben im Wald und ernähren sich von improvisierten Mahlzeiten, allem was der Forest Park in der Nähe von Portland, Oregan eben so hergibt. Sie haben der offiziellen Gesellschaft den Rücken gekehrt [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net





Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Datenschutz | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2019 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.020096 sek.