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Literaturforum: In Polen so kalt


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Forum > Sonstiges > In Polen so kalt
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 Thema: In Polen so kalt
Kenon
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 03.12.2018 um 20:55 Uhr

Wenn man den Chopin-Flughafen in Warschau Richtung Innenstadt verlässt, begegnen einem Image-Poster, die das Land Polen in einem möglichst schönen Licht darzustellen suchen. Den harten polnischen Winter haben die Poster-Macher als Schwäche identifiziert, die man leider nicht ändern kann, aber mit der die Polen gut zu leben gelernt hätten. Natürlich sieht man das Poster auch, wenn man sich in umgekehrter Richtung bewegt. Seltsamerweise ist es das einzige Poster, an das ich mich in der Reihe erinnern kann, allerdings kann ich auch nach mehrmaligem Sehen nicht sagen, wie der genaue Wortlaut ist.
Als ich zuletzt in Warschau landete, zeigte das Thermometer jedenfalls 11 Grad im Minusbereich an. Der Pilot hatte im Flugzeug noch von 2 Grad im Plus gesprochen, dabei war ihm allerdings der Fehler unterlaufen, vom Start-Flughafen Berlin zu sprechen. Für den vorherigen Flug wäre seine Ansage also noch richtig gewesen.
Eines meiner ersten Ziele bei nämlichem Besuch war die Warschauer Altstadt. Es war wirklich sehr kalt an diesem Tag und ich bedankte mich bei mir selbst, so umsichtig gewesen zu sein, auch die Thermohose angezogen zu haben. In der Altstadt gelangte ich irgendwann auf einen unansehnlichen, aber durchaus faszinierenden Hinterhof. Die grünen Mülltonnen reihten sich aneinander, waren genauso mit Graffiti überdeckt wie die grauen, sich auflösenden Fassaden. Ein Eingangsschild über einem offenen Hauseingang versprach irgendeinen krassen Club. Ich trat ein, schon in der Hoffnung, interessante Fotomotive vorzufinden, sah aber nur Betonwände, die mit Graffiti überdeckt waren und dann auch schon die ersten Schlafsäcke. Hier hatten sich Obdachlose ein Nest gebaut. Manche sammeln Elende wie Trophäen, für meine Kamera ist das allerdings nichts, ich finde es pietätlos, aus Notleidenden eine Art Kapital zu schlagen. Ich verließ das Gebäude, wollte auch den Hinterhof verlassen, da sah ich draußen den nächsten Schlafsack in den Büschen. Wie konnte jemand bei diesen Temperaturen dort schlafen, ohne zu erfrieren? Ich war schockiert, erschüttert, tief berührt und den Tränen nahe. Dann sah ich, dass sich der Schlafsack manchmal bewegte. Der Mensch darin lebte also noch. Wie konnte das sein? Vielleicht lag er noch nicht lange da, bestimmt war er auch betrunken. Wer weiss. Ich schaute genauer hin. Erst da erkannte ich mit einer gewissen Erleichterung:
Der Mensch hatte seine Schlafstätte direkt vor der Öffnung eines Lüftungsschachtes eingerichtet, war aber selbst nicht zu sehen, so gründlich hatte er sich eingehüllt in verschiedene Stoffschichten und seinen Schlafsack. Vielleicht war es dort sogar wärmer als drinnen in dem angeblichen Club, der nicht beheizt war?
Es ist wirklich traurig, dass Menschen so durch den Winter kommen müssen, wenn sie es denn schaffen. Je nach Winter gibt es jedes Jahr Dutzende, manchmal 100, 200 Kältetote in Polen. Ob sie auf dem Poster am Flughafen auch an diese Zustände gedacht haben:
Der polnische Winter ist hart, aber die Polen haben gut gelernt, damit zu leben?

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ArnoAbendschoen
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 08.12.2018 um 10:41 Uhr

Damit konfrontiert begreift man leichter, warum hier im Berliner Osten so viele polnischsprachige Obdachlose anzutreffen sind. Zzt. läuft ja ein von der polnischen Regierung finanziertes Heimholprojekt in Berlin, allerdings auf Sparflamme und ohne Zusammenarbeit mit dem Senat. Unklar, welche Seite da zu wenig Kooperationsbereitschaft zeigt. Senatorin Breitenbach hat vor Beginn schon öffentlich klargestellt, dass Zusammenarbeit nur zu "unseren" Bedingungen möglich sei.

Im November las ich, entweder im "Tagesspiegel" oder in der "Berliner Zeitung", einen ausführlichen, informativen Artikel über die Arbeit des polnischen gemeinnützigen Vereins, der nicht nur in Berlin, sondern schon länger im westlichen Ausland obdachlose Landsleute auf den Straßen anspricht und ihnen, sofern sie auf Alkohol und Drogen verzichten, Rückkehr inklusive Unterkunft und Beschäftigung anbietet. Der Verein unterhält in Polen auf dem Land eine Reihe von Einrichtungen zu diesem Zweck.

Das Ausmaß des Problems polnischer Obdachloser scheint mir auch mit der Massenauswanderung zusammenzuhängen. So wie die Beschäftigungsverhältnisse im Westen oft beschaffen sind, ist bei sehr vielen Scheitern und Absturz zwangsläufig. Ohne viel Kenntnisse über das Land zu haben, denke ich mir, das Problem ist quantitativ so groß, dass eine gewisse Nachsicht mit Politik und Gesellschaft dort vielleicht angebracht ist. Man wüsste gern, wie hoch unter den Obdachlosen in Warschau der Anteil aus dem Westen Heimgekehrter ist. Und: Sind in nennenswerter Anzahl unter ihnen Flüchtlinge aus anderen osteuropäischen Staaten?


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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Kenon
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 09.12.2018 um 23:41 Uhr

Um mehr über diese Menschen zu erfahren, müsste man sich mit ihnen unterhalten, was ich bisher nicht getan habe; aus meinen Beobachtungen abgeleitet kann ich mir allerdings vorstellen, dass ein Aufenthalt in Berlin das geringere Übel ist, weil sie in Warschau nicht öffentlich trinken dürfen und einer größeren Repression ausgesetzt sind; in Berlin habe ich bisher nur gesehen, wie sie aus S-Bahnen entfernt werden, in Warschau ist es immer gleich die Polizei, die sie mitnimmt.

Dazu passt auch dieser Artikel, den ich gerade bei vice gefunden habe - natürlich gibt er nur eine einzelne Stimme wider, aber besser diese zu hören als keine:

Zitat:

"Wir können an öffentlichen Plätzen Alkohol konsumieren, in Parks schlafen, in der U-Bahn betteln – dafür wären wir in Polen längst verhaftet worden", sagt der 43-jährige Robert.

https://www.vice.com/de/article/bjbw4q/polnische-obdachlose-berlin-alkohol-ti ergarten


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ArnoAbendschoen
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Das ist ArnoAbendschoen

     
3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 10.12.2018 um 09:24 Uhr

Danke, Kenon. Text mit Gewinn gelesen. Fraglich allerdings, ob alle Äußerungen der Interviewten wörtlich zu nehmen sind. So erzählt der 43-jährige Daniel 2018 von Folterpraktiken, denen er in den 1980ern in polnischen Gefängnissen ausgesetzt gewesen sei. Als Kind, hm?


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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