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Literaturforum: Sonne an Halbmond (überarbeiteter Romanauszug)


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Forum > Prosa > Sonne an Halbmond (überarbeiteter Romanauszug)
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 Thema: Sonne an Halbmond (überarbeiteter Romanauszug)
michy
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seit dem 14.07.2005

Das ist michy

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 19.10.2010 um 12:10 Uhr

Als sie am Wannsee sind, gehen sie vor dem Essen noch ein paar Schritte zu Fuß. Max unweit hinter ihnen und Felix deswegen ohne Pistole, die in der Plastiktüte zwischen den Klamotten im Daimler steckt. Denn was braucht man eine Pistole wenn man Max hat, denkt er und ist unbesorgt. So gehen sie zwischen Märkischer Heide und einer Reihe von Kiefern einen Kiesweg. Doch die eben noch gespürte Unbesorgtheit vergeht ihm unter den ersten Sätzen von Viktor, der gleich zur Sache kommt und über Felix Vater spricht.

„Du kannst ihn nicht erreichen, weil wir ihn aus dem Verkehr gezogen haben!“
„Wieso das denn?“ ist Felix fassungslos.
„Dein Vater hat und hatte keine Herzschwäche, der ist mit Atropin vergiftet worden!“
„Vergiftet? Ist Atropin nicht ein altes Pfeilgift? Wer tut denn so was ...?“ ist Felix aufgewühlt.
„Eine Art Mafia ... Dein Vater arbeitete auf mein Geheiß an einer Anklage gegen eine der großen Familien der Stadt. Und wie es der Zufall will, ist Aische die Tochter des Paten.“
„Dann ist der Mann den ich ...“
„Genau der. Wir haben den damals beschattet, beziehungsweise tun wir das immer noch, und deswegen bist du auf unserem Film gelandet.“
„Und Vater?“
„Der wurde unter Druck gesetzt - und als das nichts half, vergiftet.“
„Unter Druck gesetzt, - mit mir?“
„Genau. Mit deiner Gesundheit!“
„Und wo ist er jetzt?“
„Umgezogen.“
„Und?“
„Mehr kann ich dir nicht sagen; ist besser so.“
„Wird er denn beschützt?“
„Aber ja, von Erich und seinen Männern...“
„Das ist doch der Bauarbeiter vom Krankenhaus.“
„Der vermeintliche Bauarbeiter - mit seinen Männern.“
„Und Vater ist sicher?“
„So sicher wie deine Mutter auch.“
„Was, die auch?“
„Die auch!“
„Und nun?“
„Nun brauchen wir nur noch dich, dann seit ihr komplett.“
„Und was ist mit Aische und Hassan?“
„Die Antwort ist knifflig.“
„Ihr wisst also nicht ...“
„Genau! Wir wissen es nicht. Noch nicht!“
„Gut, dann wird es aber auch nichts mit der Familienzusammenführung...“
„Dachte ich mir. Aber bevor wir nun zum Finale kommen, lass uns was essen.“

Viktor nimmt Lamm. Felix eine Kohlroulade. Max hat eine Wurst mit Brötchen auf der Faust - und sitzt auf der Treppe vor dem Eingang des Restaurants.
Wie sie essen, erhält Viktor einen Anruf und muss dringend los. Nimmt Felix bis zum S-Bahnhof Wannsee mit, wo sie sich verabschieden und Viktor Felix das Versprechen abnimmt, nichts unüberlegtes zu tun und ihn morgen auf jeden Fall noch mal anzurufen.
„Mache ich unbedingt“, sagt Felix, - andererseits ist er kraftlos, unendlich müde, könnte schlafen, liegen bleiben und nie wieder aufstehen.

Nach wenigen Schritten befindet er sich vor dem S-Bahnhof Wannsee, in dessen unmittelbarer Nähe die Fähren nach Oranienburg und Potsdam abgehen, zur Pfaueninsel, zum Grab Heinrich von Kleists, unweit der Bismarckstraße, von der ein Weg Pfad zum Kleinen Wannsee hinunter führt, den er schon ging. Wo Kleist und seine Freundin Henriette Vogel begraben sind, die von Kleist erschoss. Erst sie, die unheilbar Kranke, dann sich selbst. Die beide als Selbstmörder außerhalb eines Friedhofs begraben wurden, der Schande wegen, sich selber zu richten. Steht dann am Bahnsteig. Blickt von dort aus auf eine Baracke. Ist wie geblendet von den in Silber glitzernden Gleisen, von denen aus Juden in Transporten - wie diesen - deportiert wurden: ’Zwei Züge pro Tag vom Distrikt Warschau nach Treblinka. Ein Zug pro Tag vom Distrikt Radom nach Treblinka. Ein Zug pro Tag vom Distrikt Krakau nach Belzec. Und ein Zug pro Tag vom Distrikt Lemberg nach Belzec’, erinnert ein Mahnmal genannt Gleis 17, in Berlin. Ahnt er, wie er auch weiß, diese von jeder Menschlichkeit verlassenen Räume im Rund. Hört Befehle gellen. Schüsse fallen. Kennt die Namen der Orte. Die aller Orte der Deutschen Schande. Er weiß die von seinem Großvater, einem vielfachen Mörder, dem Befehlsempfänger im Recht, - wie dieser sich einst vor Gericht verteidigte, damit davonkam, - und es sicher in Gedanken immer noch tut.
Als die Bahn kommt, ist das ihm am nächsten stehende Abteil leer. Glück gehabt. Kann er sich hinlegen. Den Reißverschluss bis hin zu seinem letzten Selbst hochziehen, um sich zu verstecken, nichts hören, sehen, sagen, wollen. Zerrt er im Halbschlaf an seinen Wundränder das es knallt wie eine als Violine verkleidet E-Gitarre in Béla Bartóks Pizzicato. Die, kaum verebbt, gleich noch einmal voller Kraft, Wut und Wucht auf das Riff eindrischt, das es im Kopf scheppert. Dann hält die Bahn - irgendwo in der Walachei - und jemand steigt ein. Sekunden später rattern die Räder wieder eintönig über die Schienen und gleich darauf ist ihm die Zeit erneut entglitten, kann er dösend von sich ablassen. Doch leider nicht von Bartók, wie er bedauert, dem rabiaten Saitenschinder. Dessen Impulse ihm im Spiel des Klavierstücks Allegro Barbaro durch die schmetternd aufgeladenen Dissonanzen den Blutdruck in die Höhe treiben. Doch damit ist Aus und Schluss, als der Zug in den Bahnhof Westkreuz einfährt, grässlich eine Fanfare gellt und Stimmen ’Sieg Heil’ brüllen.

Und wieder heißt es für ihn neu beginnen, um Anfänge wie diesen zu verhindern. Dem erneuten Start von Unvereinbarem, von Wildheit und Kalkül in sich. Die von der Gesellschaft in die Zeit geschaffene Form von Barbarismus als Rock’n Roll von Jimmy Hendrix. Elektrisierend und treibend dessen Sound. Und am Ende anders als am Anfang. Doch nur so geschieht so was wie Kunst, ist Felix sicher, geboren aus Anarchie, Kraft und Wut. Und auch ihm kommt die Galle hoch, als er diese untätigen Typen sieht. Die dröge Mischung von Mensch - auf dem Bahnhof, die vor dem Nordeingang aus allen Richtungen zusammenläuft um zu gaffen, wie drei auffällig tätowierte Glatzen einen schmächtigen Schwarzen zusammenprügeln. Und siehe, es stehen da und glotzen: Senioren mit Hackenporsche, Jugendliche auf Skateboards, Anzugträger hinter Aktentaschen, Ökofreaks die Müsli kauen, Durchschnittsmenschen mit nichts in der Fresse als Bedauern darüber, warum gerade sie nun wieder helfen sollten... Die gaffen Maul offen, Schwanz eingezogen, bis alles Gedöns schließlich endet als Polizei gelaufen kommt, die die Menge abdrängen damit wohl ALLE besser sehen können, vermutet Felix. Doch Sekunden später ist der Schwarze weg, die Glatzen, verläuft sich die Menschenmenge und der Zug hat, scheint es, freie Fahrt.

19. okt. 2010 michael koehn


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