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Literaturforum: Journalisten und Objektivität - Einige Gedanken


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 Thema: Journalisten und Objektivität - Einige Gedanken
ArnoAbendschoen
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449 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 06.09.2018 um 18:09 Uhr

Von wem ist dieses Zitat: "Wahrheit breitet sich nicht aus, hast die Zeitung du im Haus"? Raten Sie mal, ist es von A) Joseph Goebbels oder B) Wilhelm Busch oder C) Kurt Tucholsky? Auflösung: Die richtige Antwort lautet C. Die Zeilen sind enthalten in dem 1927 veröffentlichten Gedicht „Week-End“, das sich kritisch mit dem Kontrast von zeitgeistiger Reklame und wirklicher sozialer Lage beschäftigt. Darin spielen die Zeitungen die Rolle eines Transmissionsriemens, der die zu popularisierende Botschaft massenhaft verbreitet und damit erst populär macht.

Tucholskys Formel deckt sich inhaltlich mit dem viel derberen „Lügenpresse“, das jetzt wieder in so vieler Munde ist. Im Hinblick darauf habe ich bei der Eingangsfrage die falsche Fährte Goebbels gelegt. Die aktuelle Diskussion tut gern so, als hätten die Nazis die Patentrechte für den Begriff, dem ist aber nicht so. „Lügenpresse“ ist viel älter und wurde generationenlang von den unterschiedlichsten politischen Strömungen zum Zweck der Diffamierung gebraucht. So habe ich denn auch Wilhelm Busch ins Spiel gebracht. Seine antisemitischen Tendenzen sind bekannt, die liberalen Zeitungen seiner Zeit hatten oft jüdische Verleger und Journalisten. Die Verse hätten auch von ihm sein können.

Radikale Kritik an Zeitungswesen und Journalismus hat es vor und nach dem Dritten Reich vielfach gegeben. Erinnern wir uns an die Anti-Springer-Kampagnen der Achtundsechziger, die über Jahrzehnte gingen und sich in der Tendenz nicht nur gegen Blätter aus dem Hause Springer, sondern gegen schlechthin alle „bürgerlichen“ Medien richteten. In diesem Zusammenhang kam es sogar zur Herausgabe neuer Zeitungen, die alles anders machen, d.h. auch wahrhaftiger sein wollten.

Vor hundert Jahren war einer der Großen unserer Literatur zugleich Fundamentalkritiker der Zeitungen und fanatischer Journalistenhasser: Karl Kraus. Zahllos sind seine Ausfälle in den Beiträgen für „Die Fackel“. Ich wähle beispielhaft einige aus „Maximilian Harden – Eine Erledigung“ aus:

"Ich trage einen Hass unter dem Herzen und warte fiebernd auf die Gelegenheit, ihn auszutragen … Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht. Sei es! Sei’s unser Verhängnis, dass alles, was das Leben lebenswert macht, Geist und Schönheit hingemäht werde von diesen fürchterlichen Schnittern der Sensation, dass die Weideplätze der Kultur den neuen Hyksos ausgeliefert bleiben, und dass wir an der Revanche verbluten, die wir am Christentum genommen haben: an der Übertragung des Geisterbanns von der Kirche auf die Presse … Man hat die liberale Presse nie lauter jubeln gehört … Der Prozess Harden – Moltke ist ein Sieg der Information über die Kultur. Um in solchen Schlachten zu bestehen, muss die Menschheit lernen, sich über den Journalismus zu informieren."

Die Verteidiger des Journalismus heute machen oft folgende Doppelgleichsetzung: Fundamentale Kritik an Berichterstattung = Vorwurf der „Lügenpresse“ = rechtsextreme, demokratiefeindliche Gesinnung. Welcher Teufel reitet sie, eine derart manichäische Zurückweisung harscher, grundsätzlicher Kritik zu praktizieren? Auf diese Weise wird die Reaktion des Mediennutzers dazu missbraucht, die Stellung des Nachrichtenproduzenten unangreifbar machen zu wollen. Auch politisch ist dieser Versuch der Lagerbildung ein Hasardspiel. Die Burgverteidiger nutzen heranfliegende Steine, indem sie mit ihnen eine Mauer höher bauen. Der Wall wackelt trotzdem bedenklich.

Kehren wir, um uns selbst einen Standpunkt zu erarbeiten, zu Tucholsky zurück. In seinem Artikel „Redakteure“ von 1932 analysiert er die Krise des Journalismus und ihre Gründe. Darin ist manches nur noch historisch, anderes nach wie vor zutreffend. Zur Illustration berichtet er eine Anekdote. Sein eigener Verleger Siegfried Jacobsohn zu einem fremden Redakteur: "Aber bei euch genügen doch schon vier Beschwerdebriefe, und jeder von euch kann herausfliegen." Darauf der andere: "Herr Jacobsohn, Sie irren sich. Es genügt schon einer." Der Redakteur ist noch immer einer, der von zwei Seiten in die Zange genommen wird, den Erwartungen seiner Leser und den Maßgaben seines Verlegers. Er ist nicht unabhängig wie ein Richter und wird daher zumeist nicht so objektiv sein können, wie es das schöne Ideal fordert. Der Journalist liefert Waren, die seinem Auftraggeber ökonomisch nutzen und dem Endabnehmer des Produkts gefallen sollen. Der Leser als Konsument will etwas in sich Widersprüchliches: Informationen, die sein Bild von der Welt bereichern, ohne es grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Journalist muss versuchen, den Erwartungen beider gerecht zu werden, ohne sich selbst zu verbiegen. Er ist arm dran und möchte doch selbst teilhaben, am materiellen wie am geistigen Wohlstand oder Reichtum.

Nutzanwendung für den Leser: Mach dir klar, dass du Käufer einer produzierten Ware bist, nicht Empfänger einer absolut feststehenden Wahrheit. Prüfe, für welchen Teilmarkt jeweils produziert wird. Vergleiche die angebotenen Waren untereinander, entwickele einen Sinn für den relativen Grad an Wahrheitsgehalt. Entscheide für dich selbst, was du für glaubhaft oder einsichtig hältst. Differenzieren, differenzieren! Lass dich in deiner Kritik nicht mundtot machen, es gibt mehr als genug Anlass dazu. Aber sei dir immer bewusst, du selbst bist in erster Linie für dein Bild von der Welt verantwortlich. Der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist so ungerecht wie seine politische Ausbeutung in einem Lagerkampf für das Gemeinwesen gefährlich, und das gilt für jede Seite.


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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