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Forum > Politik & Gesellschaft > Freiheit für Belarus
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 Thema: Freiheit für Belarus
Kenon
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1239 Forenbeiträge
seit dem 02.07.2001

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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 22.08.2020 um 23:14 Uhr

Wenn ich dieser Tage die belarussischen Proteste auf Telegram, Twitter & Co. verfolge, hoffe ich sehr, dass die Menschen erfolgreich sind und Lukaschenka, den kaltherzigen Schnauzbart-Diktator, davonjagen. Tarakan nennt ihn das Volk: Schabe. Und genau das ist er. Dass er für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird, ist in dieser einigermaßen schlechten Welt schon zu viel gehofft. Dafür gibt es die nächste.

Wenn ich an Belarus denke, muss ich auch an Jura denken, den wir in der Ukraine irgendwann in der Mitte der Nuller-Jahre kennenlernten. Er war mit seinem Kumpel Volodya unterwegs, sie kamen aus Belarus und verbrachten irgendwie ihr Wochenende. Sie waren Anfang zwanzig, hatten keine Pläne, kein Geld, keinen Übernachtungsplatz und hofften das beste. Volodya sah finster und gefährlich aus. Er war mager aber drahtig und am ganzen Körper tätowiert, selbst am Hals. Er hatte bestimmt ein Messer, mit dem er mir in einem geeigneten Moment die Kehle durchschneiden würde, um mich dann auszurauben.

Jura und Volodya waren Arbeitskollegen. Sie hatten einen privaten Running Gag: Immer, wenn sie vor einer Entscheidung standen, “berieten” sie sich, indem der eine den anderen fragte: “Wie machen wir es?” - und stets war die Antwort: “Wie gewöhnlich”.
Jura und Volodya waren beide vom belarussischen Staat zur Arbeit auf dem Bau verdonnert worden. Es schien dort soetwas wie einen Arbeitszwang zu geben. Schöne post-sowjetische Misere. Wieso hörte man davon nicht bei uns?

Es war abends. Wir hatten die beiden in der Bahnhofsgegend kennengelernt. Sie hatten Hunger. Wir kauften irgendwo fürchterliche dicke Würste und danach dazu etwas Chleb (Brot), was sie beides gierig in sich hineinschlangen, obwohl es nicht besonders gut geschmeckt haben dürfte. Mit größerer Wahrscheinlichkeit hatten wir dann auch noch etwas Wodka gekauft, den wir im Park tranken. Etwas weiter von uns entfernt lachten Leute im Dunklen. Wenn Leute lachen, sagte Jura, heisst das, dass sie dich schlagen werden. Er drang darauf, dass wir den Park verließen. Ich verstand es damals nicht, aber wir gingen. Da es spät war auf unser Hotel. Die beiden Belarussen wollten sich an der Rezeption ausweisen und konnten gar nicht begreifen, dass man sich dort nicht für sie interessierte. Ich schob sie die Treppe hoch, bevor man es sich noch anders überlegte. Die Ukraine war schon damals ein freieres Land.

Auf unserem Zimmer, das vor den Fenstern keine Gardinen hatte, hörten wir Musik. Russischen Chanson, den sie fürchterlich fanden. Slipknot (“People = shit”) war eher ihre Kragenweite, viel mehr hatte ich an westlicher Musik nicht dabei. Jura interessierte sich für die Jessenin-Gesamtausgabe, die ich mir gekauft hatte und las mit einiger Achtung ein paar Gedichte vor. Er zeigte uns, dass er selbst auch Aufzeichnungen machte, die er in seiner kleinen Herrenhandtasche verbarg. Und er zeigte uns die vielen kleinen Brandwunden an seinem Körper, die ihm seine Bauarbeiter-Kollegen mit brennenden Zigaretten zugefügt hatten. Es sah fürchterlich aus. Verständlich, dass er nicht zurück auf die Arbeit wollte. So ein verständiger und reflektierender Mensch, und man zwingt ihn auf den Bau, sonst kommt er in das Gefängnis. Dieses kurze Wochenende in der Ukraine musste für die beiden schon fast das Paradies sein.

Volodya fiel früh in der Nacht bei noch brennendem Licht schlafend von der Behelfsliege. Er schlief einfach weiter. Jura schlief sowieso auf dem Boden, da es keine weitere halbwegs bequeme Schlafmöglichkeit auf dem Zimmer gab. Die Jungs waren ein hartes Leben mit wenig Annehmlichkeiten gewöhnt. Zur Sicherheit legte ich mein Portemonnaie und Telefon unter das Kopfkissen, löschte das Licht und schlief dann auch ein. So fest, wie Volodya schlief, würde er mir in dieser Nacht sicherlich nicht mehr die Kehle durchschneiden.

Wir verabschiedeten uns am nächsten Morgen. Jura schenkte mir zwei belarussische Banknoten: Wertloses Papier, wie er meinte, ich könne es gern wegwerfen. Ich habe die Scheine natürlich behalten.
Ich habe später noch manchmal über Jura nachgedacht: Sicherlich hat er sehr traumatische Erfahrungen in seinem Heimatland gemacht - warum sonst hatte er sich so vor den lachenden Fremden im dunklen Park gefürchtet?

Was die beiden wohl heute machen? Vielleicht kämpfen sie jetzt wie ihre lieben Landsleute um die Freiheit, für ein besseres Leben, für die Wiedergeburt der belarussischen Nation.
Ein Staat, der nur einigen wenigen dient und der seine Bürger systematisch belügt, ihnen seinen Willen aufzwingt, sie misshandelt, einsperrt, foltert und tötet, darf einfach nicht überleben. So ein Staat muss ganz schnell untergehen.

Geh weg, Lukaschenka! Belarus - lebe!! Jura & Volodya - lebet auch!!!

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ArnoAbendschoen
Mitglied

633 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 23.08.2020 um 11:22 Uhr

Gelungen finde ich hier die Mischung aus Informativem und Atmosphärischem. Persönliche Erinnerungen dieser Art sind es durchaus wert, literarisch nachbereitet zu werden, und sind dann eine gute Basis für eine politische Meinung.

Ein Detail hätte ich persönlich anders verarbeitet: Das Erschreckende am Lachen im Park hätte mir unmittelbar eingeleuchtet. Das Gefährliche solcher Situationen halte ich für universell. Denken wir an Bergsons Theorie vom Lachen als sozialer Ersatz- und Abwehrreaktion. Dass sie in echte Aggression umschlagen kann, lässt sich schon auf Schulhöfen beobachten.

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Kenon
Mitglied

1239 Forenbeiträge
seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 23.08.2020 um 12:46 Uhr

Danke, Arno.

Ich hatte die Situation im Park damals als nicht so gefährlich eingestuft. Die Stimmen schienen weit weg, die Leute saßen wie wir und bewegten sich nicht. Allerdings fehlte mir der kulturelle Hintergrund, den die Belarussen hatten, um das Geschehen möglicherweise realistischer einzuordnen. Vielleicht hatte Jura auch Wortfetzen aufgeschnappt, die mir entgangen waren.

Privates preiszugeben, ist nicht mein liebste Disziplin. Andererseits habe ich früher unendlich viele Autobiographien gelesen. Hätten deren Autoren alle geschwiegen, wäre mein Leben deutlich ärmer gewesen.

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