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Die Bahnhofsliebe
Autor: Stefan Schürrer · Rubrik:
Kurzgeschichten

Die angebrochene Abendstunde wird durch die flackernden Laternenlampen und die düstere Dämmerung friedlich leicht eingeleitet. Die Züge an den Bahnhöfen kriechen erschöpft in den Bahnhof, ihrer letzten Fahrt für diesen Tag entgegen. Die Anzeigeschilder leuchten in grellen Neonfarben auf und erhellen die finsteren Gestalten an den Gleisen, lassen sie wie von anderen Welten bunt wirken in der abendlich grauen Stimmung während man auf seinen Zug wartet.

Das Sprachgewirr hallt durch die Eingangshalle des fast menschenleeren Bahnhofs und kündigt eine große Gruppe von Touristen an.

Ich schleiche durch die verlassenen Flure des großen antik entworfenem Bahnhofsgebäudes, habe noch etwa 10 Minuten Zeit, bis mein Anschlusszug fährt. Die großen dicken Säulen, die meinen Weg zieren, lassen sich kaum mit beiden Armen umfassen. Die Fresken an der Wand erzählen umfangreich und detailreich von den großen Heldentaten der frühen Weltgeschichte. Weiche jeden anderen Individuum aus und fühle mich unwohl. Ein anstrengender Tag lag hinter mir und verfolgt mich noch bis jetzt.

Gedankenverloren laufe ich im Schatten der schwachen Bahnhofsbeleuchtung durch die nass kalten Flure bis zu meinem Gleis wo ich ungesehen an kleinen Menschenansammlungen vorbei gelange. Alle wirken überarbeitet und mit sich selbst beschäftigt. Nehmen keine Kenntnis von mir. Vereinzelt stehen faszinierte Touristen und zücken ihre Kameras, machen Fotos voneinander oder den beeindruckend gemalten Bildern an der Wand.

Am Gleis ertönt nun die Durchsage. Diese liebliche Frauenstimme weist den späten Reisenden ihre Züge zu und leitet sie durch dieses große Land ihrem Ziel entgegen. Selbst in der tiefsten Nacht ist es so, als wisse sie alles. Die spontanen Zugänderungen und die planmäßigen Verspätungen der Bahn berechnet sie kaltblütig und lässt die Fahrgäste an ihrem Wissen teil haben. Jetzt wo sie ihre Ansage beendet hat kommt mir der Gedanke sie ausfindig machen zu müssen, sie mit ihrer allwissenden Stimme zu fragen nach Lösungen für all meine Probleme. Sie weiß nicht nur die spontane Planänderung, sondern alles! So kommt es mir gerade in den Sinn. Alles über das Leben; alles, was eine Rolle spielt in diesem Leben, kann sie wissen und noch viel mehr. Ich muss zu ihr, kommt mir der Gedanke. Bewusst, es ist nur ein kurzer Funke in meinem Gedankendurcheinander, will ich jetzt, in diesem Augenblick, gerade jetzt zu ihr und an ihre Seite. Sozusagen eine Flucht nach Vorne!

Doch da ist mein Zug. Das rote Führerhaus schleppt sich an das Gleis, zieht mühsam den ganzen Zug mit allen Menschen und Gepäck und Problemen hinter sich her. Angetrieben und gedrängt vom Lokführer wird dies die letzte Fahrt sein, danach gibt es nur noch die dunkle, nass kalte Nacht, erlösend und beruhigend zugleich, für den Zug.

Der Zug ist unterdessen schon wieder unterwegs, dem nächsten Bahnhof entgegen, während ich nun ein Buch auf meinem Schoß habe und darin lese. Verliere mich in den Zeilen eines großen Dichters und schwebe über allem. Der Welt, dem Zug und einfach allem. Das Rumpeln und Poltern des Wagons über den rostigen Gleisen dient mir als seltsam abgehackter Tackt zu den Strophen, die ich lese und die vielen Geräusche hier und da vermögen es nicht mich abzulenken von den kostbaren Worten eines dahingeschiedenen Mannes. Er ist zwar vor so ewiger Zeit schon gestorben, doch es wirkt, als hätte der Dichter seinen Text nur für mich geschrieben.

Wieder einer dieser unsicheren Vorstadtbahnhöfe denke ich mir und es reizt mich aus der Nachdenkerei. Als ich verschlafen aufschaue traue ich meinen Augen nicht. Gegenüber von mir, am Fenster, steht eine junge Frau im Gang. Ungefähr mein Alter. Aber meinen Träumen entstiegen. Kann einfach nicht echt sein. Samtweiche Haut, die von einem feinen dunklen Stoff bedeckt wird. Lange braun wallende Haare, grüne Augen und so grazil in jeden Bewegungen. Sie kommt auf mich zu. Setzt sich wahrhaftig zu mir in meine Ecke.

Lange, ohne auf meine Umwelt zu achten, starre ich sie an. Lange, ohne auf mein Buch mit all den Antworten des toten Dichters zu achten, starre ich sie an, bewundere sie und hege die heimliche Fantasie, vor ihr auf die Knie zu fallen und sie zu fragen: „Willst du meine Frau werden? Meine geheimsten Träume wahr werden lassen und mit mir dein Leben verbringen?“ Doch halte mich zurück. Bin schüchtern. Wage es nicht, meine Träume zu zerstören, sie anzusprechen und vielleicht meine Frau der Träume zu verjagen, kurzum daran zu scheitern. So sitze ich da, in meinem Zug auf dem Weg von einem Bahnhof zum nächsten, blicke verlegen in ihre Richtung, fasziniert von jeder kleinsten Bewegung ihrer Hände, bewundere jedes Atmen, jedes Heben und Senken ihres Brustkorbes; wie ein armer Schlucker durch das Schaufenster dieses eine Ding, diese eine Sache, die ich mir nie werden leisten können betrachte; und es scheint so zu sein, dass, wenn ich darüber nachdenke, ich meinen über den Tag verlorenen Stolz aufrechterhalten will, mir diese Fantasie nicht erlauben kann.

Ob sie jemals einen wie mich beachtet?

Doch der eigentlich einzige Gedanke der mich beschäftigt, ist der, dass das Mädchen aussteigen könnte. Verlass mich nicht. Bring mich nicht um den großartigen Gedanken, den tiefen Wunsch, den ich in deiner Nähe verspüre, wie der Schriftsteller selbst. Gehe nicht weg, verblasse nicht in meiner Vorstellung und werde keine Vergangenheit, bleibe Gegenwart! Solange ich dich nicht anspreche ist die Idee in meinem Kopf, ich könnte Erfolg haben. Solange ich nicht die Chance verspiele, die ich vielleicht hätte, bleibt die Möglichkeit erhalten, ich könnte dich lieben und du mich. Dieser Gedanke reicht mir vollkommen, derzeit. Aber steige bloß nicht aus. Lass diese Zugfahrt, dieses nächtliche Reisen durch das deutsche Hinterland niemals enden. Aufs Neue lasse ich mich auf die Fantasie ein. Wenn der Zug anfährt und sich zum nächsten Bahnhof schleppt, du nicht aussteigst und ich dich verstohlen aus dem Augenwinkel begutachten kann, ist mein Leben gut für den Moment. Es würde mir das Herz brechen, wäre diese Fahrt vorüber. Ich würde zusammenbrechen. Ich wäre niemals wieder ich selbst. Etwas würde sterben. Nochmal. Schon wieder. Immer noch? Sterben ist so ein großes Wort in unserer Gesellschaft.


Einstell-Datum: 2011-06-12

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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