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 Thema: Präzise Sprache
Kenon
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 25.02.2021 um 00:25 Uhr

Wer hier etwas regelmäßiger mitliest, ist es vermutlich schon leid, aber der aktuelle Krieg um die deutsche Sprache ist ein Thema, das sich schwer ausblenden lässt, weil es einem jeden Tag erneut in die Fresse springt. Also auf ein Neues:

Die stellvertretende Chefredakteurin des SZ Magazins hat am 20. Februar 2021 auf Twitter Anstoß an folgender Tageszeitungsartikel-Überschrift genommen:

Zitat:

“Kita-Erzieher und Grundschullehrer wohl bald in Impfgruppe zwei”

Was ist daran anstößig? Nach ihrer Auffassung folgendes:

Zitat:

Mein Lieblingsargument gegen das generische Maskulinum und fürs Gendern: ich mag als Journalistin nicht unnötig unpräzise werden, und schon gar nicht fehlerhaft.

Behauptet die gute Frau allen Ernstes, der Leser (m/w/x) würde annehmen, dass Impfangebote in Deutschland getrennt nach Geschlechtern gemacht werden, also nur männliche Kita-Erzieher und Grundschullehrer “bald in Impfgruppe zwei” seien?! Offensichtlich ja. Dann ist es doch sehr tragisch, dass dieser jemand mit einem offenbar beschränkten Interpretationsvermögen eine mediale Macht ausüben darf.

Gern führe ich das grottige Gendern einmal mehr ad absurdum:

Wenn die liebe Lara F. tatsächlich ein so ausgesprochener Freund präziser Sprache ist, empfehle ich ihr gern die Nutzung von Zahlen, die bekanntlich nicht lügen und bestimmt für die höchste Gerechtigkeit sorgen. Es reicht nämlich nicht, Kita-Erzieher in “Kita-Erzieher*innen” zu gendern, um “Geschlechtergerechtigkeit” in der Sprache herzustellen. “Kita-Erzieher*innen” ist nur ein abstrakter Kunstgriff, der die realen Geschlechterverhältnisse nicht genau und damit immer noch ungerecht abbildet. Wenn die liebe Lara F. von “Kita-Erzieher*innen” schreibt, soll sie bitte in Klammern dahinter bitte immer anführen, wieviele Menschen in dem jeweiligen Kontext den unterschiedlichen Kategorien männlich / nicht-binär / weiblich tatsächlich angehören, also bspw. “Kita-Erzieher*innen” (34.800 / 15 / 565.185). In absoluten Zahlen, nicht in Prozenten, ohne Rundungen. Auch erwarte ich bei Online-Publikationen regelmäßige Updates der Zahlen, damit sich die Ungerechtigkeit nicht wieder mit der Zeit in diese einschleicht. Nachprüfbare Quellenangaben dazu dann bitte in den Fußnoten. Nur wenn wir es extrem ernst nehmen und konsequent durchziehen, wird unsere Sprache wirklich geschlechtergerecht.

PS: Hier ist eine neue Kolumne der Welt über den Genderunfug. Es sollte keine Rolle spielen, aber: Sie ist von einer Frau geschrieben.

Gendern – das erinnert mich inzwischen an einen Fleischwolf

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ArnoAbendschoen
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 25.02.2021 um 10:49 Uhr

Was mich betrifft, ich sehe deinen Einsatz hier sehr gern und verpasse keinen Beitrag. Manchmal würde ich gern wie ein Conférencier dem Publikum zurufen: Applaus, bitte.

Dass es nicht um Gerechtigkeit geht, erschließt sich auch dann, wenn man untersucht, in welchen Fällen das generische Maskulinum weiterhin viel verwendet und NICHT kritisiert wird. Es sind gewöhnlich unerfreuliche Zusammenhänge. Beispiel neulich in der "Abendschau" des Berliner Lokalfernsehens. Es ging um die bisher unzureichende Aufklärung rechter Anschläge in Neukölln und diskutierte Hintergründe in der Polizei selbst. Genau da tauchte nach vorher peinlichst genau eingehaltener Gendersprache was auf? Ja, eben einfach nur "Polizisten", denen man einiges Kritikwürdige zutraute. Polizistinnen tun so etwas natürlich nicht. Da hat man die ganze verlogene Masche, die Sachthemen okkupiert, um reine Machtspielchen zu betreiben. Und solche Beispiele gibt es täglich zu Hunderten in den Medien. Klassisches Beispiel: Redebeiträge, in denen konsequent von Wählern und Wählerinnen, im selben Atemzug aber nur von Steuerzahlern die Rede ist. Das ist die Sprache von tief unaufrichtigen Leuten.

All das hat Auswirkungen, und zwar nicht nur die von den Sprachaktivisten gewünschten. Es behindert die Diskussion von Sachthemen erheblich, indem es die Konzentration auf ein sachfremdes Thema verlagert. Und es ist ein Element der Spaltung. Es waren auch solche Marotten und Strategien, die einen Trump ermöglicht hatten. Ich staune, wie wenig lernfähig manche sind.

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ArnoAbendschoen
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 25.02.2021 um 10:58 Uhr

Nachtrag: Jetzt auch noch den verlinkten WELT-Artikel von Frau Hümpel gelesen. Ausgezeichnet, wohl die beste kritische Analyse, die ich insoweit kenne. Bitte immer wieder verlinken und zitieren.

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Kenon
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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 25.02.2021 um 23:50 Uhr

Diese gesellschaftliche Polarisierung ist schon besorgniserregend, und ich habe gemerkt, dass ich selbst sehr genau überlegen muss, wieweit (und wie oft) ich mich auf das, was ich kürzlich als Spiel beschrieben habe, einlasse, denn es ist zu leicht, dabei selbst Verhaltensformen anzunehmen, die ich eigentlich ablehne. Der Eingangsbeitrag ist für mich wegen des Satzes mit dem Interpretationsvermögen schon ein Grenzfall, aber nun ist er eben geschrieben und veröffentlicht, mag er als persönliche Mahnung stehenbleiben.
Auch ist es manchmal befremdlich, aus welchen Ecken in den sozialen Medien plötzlich Beifall kommt (ich meine natürlich nicht Dich), wenn ich genehmes äußere - und andererseits aber auch, zu wem ich den politischen Abstand verringert habe, was mir vor einem Jahr noch als künftige Entwicklung unmöglich erschien. Die Pandemie mag eine Rolle spielen, den Leuten ist langweilig, sie werden geschwätzig, übermütig, übergriffig und zänkisch, aber sie kann nicht alles erklären, was vor sich geht.

Sehr gut, dass Du Trump erwähnst: Inzwischen glaube ich besser zu verstehen, welche Stimmungslage ihn möglich gemacht hat. Deutschland scheint auf einem ähnlichen Weg wie die USA zu sein, sowieso sind die uns ja immer einen Schritt voraus.

Wenn sich die Gesellschaft spaltet (was immer offensichtlicher passiert) und zwischen den Lagern verbal die Fetzen fliegen, freuen sich alte und neue Medien, weil sie von diesen Konflikten profitieren - das ist ihr Stoff, ihr Lebenselixier, ihre Mechanismen befeuern den Krach im Irrenhaus. Irgendwann wird es vielleicht auch bei uns entsprechende politische Akteure geben, die das für sich auszunutzen wissen werden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Die Woke-Kultur mag in Deutschland noch einen Vorsprung haben: Sie hat bereits viele öffentliche Einrichtungen erobert, Privatunternehmen ziehen nach, aber es wird auch eine starke Gegenbewegung geben, die vermutlich ähnlich grob zur Sache gehen mag.

Überrascht hat mich dieser Tage der altersweise Wolfgang Thierse mit seinem Debattenbeitrag in der FAZ:
Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft? (Paywall)

Dafür, dass er in bewundernswerter Ausführung den demokratischen Diskurs verteidigt hat, ist er auf Twitter scharf angegriffen worden. Wenn das einem so gemäßigten, klugen und umsichtigen Menschen wie Herrn Thierse passiert, wird deutlich, in welcher Schieflage wir uns aktuell bewegen. Wieviele Menschen trauen sich heute überhaupt noch, ihre Meinung kundzutun? Ich erinnere mich: Was hat es 2019 für einen Aufschrei gegeben, als Umfrageergebnisse zur Meinungsfreiheit in Deutschland bekannt wurden?

Zitat:

Man könne seine Meinung zu bestimmten Themen nicht oder nur mit Vorsicht frei äußern, sagten 78 Prozent der Deutschen jüngst in einer Allensbach-Umfrage (FAZ), gut zwei Drittel (69 %) äußerten sich Anfang der Woche bei einer Sachsen-Umfrage von Infratest (MDR) ähnlich.

Quelle: Erschreckende Umfragen (bild.de)

In einem Interview mit dem DLF hat sich Wolfgang Thierse zu dem Shitstorm um seinen ursprünglichen Diskussionsbeitrag in der FAZ geäußert (ich empfehle die Audioversion, weil man dem Menschen durch seine gesprochene Sprache näher kommt - die Sätze wie das nachfolgende Zitat sind auch nicht immer druckreif im Sinne von strukturell fehlerfrei formuliert, im Mündlichen hat man dafür mehr Verständnis):
„Ziemlich demokratiefremd“

Im Interview sagt Thierse über den Rassismus der vorgeblichen Anti-Rassisten:
Zitat:

Eine Ansicht, die einem nicht passt, die wird identitär zurückgewiesen. Mein Alter, meine „Rasse“, mein Geschlecht, meine sexuelle Orientierung – also ist die Sache erledigt. Man muss sich mit der Ansicht nicht befassen. Man kann sie einfach ablegen, weil sie so von einem Menschen, der ja immer definiert ist mit einer bestimmten Identität, vorgetragen worden ist.


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ArnoAbendschoen
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4. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 02.03.2021 um 22:06 Uhr

Ich bin regelrecht davon geschockt, wie bestimmte Kräfte die SPD gerade zerstampfen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/erste-folge-der-debatte-um-queerness-thierse-biet et-spd-chefin-esken-seinen-parteiaustritt-an/26968480.html

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/esken-und-kuehnert-beschaemt-sp d-debattiert-umgang-mit-queeren-menschen/26966828.html

Zum zweiten Artikel tobt unter den Lesern eine Art Kommentar-Bürgerkrieg, fürchterlich. Diese giftigen Früchte sind schneller reif geworden, als ich mir vorstellen konnte.

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Kenon
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5. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 05.03.2021 um 18:37 Uhr

Den gesellschaftlich relevanten Diskussionbeitrag von Wolfgang Thierse gibt es übrigens auch auf seiner Netzpräsenz zum kostenfreien Lesen:

Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft

- den Beitrag "Wider das Gift kollektiver Identität" von Gesine Schwan leider nur hinter der Paywall der Süddeutschen Zeitung.

Notiz an mich: Ich sollte mich doch einmal dort anmelden und die Onleihe der VÖBB nutzen.

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